## Zwei Namen, ein Tier?

Stell dir vor, du findest ein Tier, gibst ihm einen neuen, klingenden Namen – und musst Jahre später feststellen, dass du schlicht einen Jugendlichen falsch eingeordnet hast. Genau das könnte bei zwei asiatischen Tyrannosauriden passiert sein, die die Paläontologie zuletzt beschäftigt haben. Eine neue Studie im Fachjournal *Cretaceous Research* (DOI: 10.1016/j.cretres.2026.106412) stellt die Eigenständigkeit dieser Taxa grundlegend infrage – und zieht dabei eine erstaunliche biogeografische Schlussfolgerung.

## Was das Paper beschreibt

Das Autorenteam um Gorm Skouboe Raun, Colton C. Coppock, Demchig Badamgarav, Khishigjav Tsogtbaatar und Philip John Currie hat zwei umstrittene Tyrannosauriden taxonomisch neu bewertet: *Asiatyrannus xui*, erst kürzlich aus der Nanxiong-Formation im Süden Chinas benannt, und *Raptorex kriegsteini*, dessen Status seit seiner Erstbeschreibung heftig diskutiert wird. Auf Basis vergleichender Morphologie analysieren die Forschenden, ob die diagnostischen Merkmale beider Taxa wirklich eigenständige Arten begründen – oder ob sie sich durch Ontogenese, also altersbedingte Wachstumsveränderungen, erklären lassen.

## Warum das so spannend ist

Tyrannosauriden-Taxonomie klingt nach trockenem Knochenvergleich. Ist sie aber nicht. Jedes Mal, wenn ein vermeintlich neues Taxon fällt oder bestätigt wird, verändert sich unser Bild davon, wie diese Tiere gelebt, gewandert und die Kontinente besiedelt haben. *Raptorex kriegsteini* war seit seiner Beschreibung 2009 ein Zankapfel: Manche Forschende hielten ihn für einen winzigen, frühen Vorläufer großer Tyrannosauriden – andere für ein Jungtier. *Asiatyrannus xui* wurde erst kürzlich benannt und war damit frisch auf der Landkarte. Beide Fälle zeigen, wie schwierig es ist, aus juvenilem Material sichere Artgrenzen zu ziehen.

## Was bisher unklar war

Das Kernproblem: Junge Tyrannosauriden sehen anders aus als Erwachsene. Schädelproportionen, Zahnmorphologie und Knochenstruktur verändern sich im Laufe des Wachstums erheblich. Merkmale, die auf den ersten Blick einzigartig erscheinen und eine neue Art begründen könnten, sind manchmal schlicht Jugendmerkmale. Genau diese Verwechslungsgefahr war bisher nicht systematisch für *Asiatyrannus xui* und *Raptorex kriegsteini* im direkten Vergleich mit juvenilen *Tarbosaurus bataar*-Exemplaren aufgearbeitet worden.

## Was das Paper konkret sagt

Die morphologischen Belege im Paper sind deutlich: Beide Taxa teilen zahlreiche Schädelmerkmale mit juvenilen und adoleszenten Exemplaren von *Tarbosaurus bataar*. Entscheidend ist laut den Autorinnen und Autoren, dass bei *Asiatyrannus xui* keine Apomorphien – also abgeleitete Merkmale – nachweisbar sind, die nicht auch bei *Tarbosaurus bataar* vorkommen. Bei *Raptorex kriegsteini* stützen zusätzlich stratigrafische Daten früherer Arbeiten sowie das Vorkommen von *Tarbosaurus*-Autapomorphien im fraglichen Material die Neuzuweisung. Das Paper kommt zu dem Schluss, dass beide Taxa wahrscheinlich als jüngere Synonyme von *Tarbosaurus bataar* zu betrachten sind – sie wären damit keine eigenständigen Arten mehr. Besonders folgenreich: Ein als *Tarbosaurus bataar* neu eingestuftes Exemplar aus der Nanxiong-Formation in Südchina erweitert das bekannte Verbreitungsgebiet der Art auf mehr als 2.300 Kilometer. Das deckt sich laut den Forschenden mit den Verbreitungsräumen einiger nordamerikanischer Tyrannosauriden und legt nahe, dass wir die Reichweiten vieler Theropoden systematisch unterschätzen.

## Was bleibt unsicher

Die Studie spricht selbst von „wahrscheinlichen" Synonymen – die Formulierungen im Abstract sind bewusst vorsichtig. Eine formale Synonymisierung erfordert breiten wissenschaftlichen Konsens, und der ist bei Tyrannosauriden-Taxonomie selten schnell erreicht. Auch die genaue Herkunft einzelner Exemplare – besonders bei *Raptorex kriegsteini*, dessen Provenienz seit Jahren diskutiert wird – bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Weitere Funde und histologische Untersuchungen könnten das Bild noch verschieben.

## Tiefenzeit-Einordnung

Wenn die Schlussfolgerungen des Papers standhalten, war *Tarbosaurus bataar* kein regional begrenzter Tyrann der Gobi, sondern ein Großräuber mit einem Verbreitungsgebiet, das wohl Tausende Kilometer umspannte – ähnlich wie heute Löwen oder Tiger ganze Kontinentteile besiedeln können. Das verändert unsere Vorstellung von der Ökologie und Mobilität dieser Tiere grundlegend. Gleichzeitig erinnert der Fall *Asiatyrannus* und *Raptorex* daran, wie vorsichtig die Wissenschaft mit der Benennung neuer Taxa auf Basis von Jugendfossilien sein muss. Jeder neue Name ist eine Hypothese – und Hypothesen können fallen.

## Quelle & Bildhinweis

Raun, G. S., Coppock, C. C., Badamgarav, D., Tsogtbaatar, K. & Currie, P. J. (2026): *Taxonomic reassessment of juvenile tyrannosaurine specimens from Asia reveal large biogeographic ranges in tyrannosaurids.* Cretaceous Research. DOI: [10.1016/j.cretres.2026.106412](https://doi.org/10.1016/j.cretres.2026.106412)

Das Titelbild ist eine **Rekonstruktion / künstlerische Annäherung auf Basis des Papers** und wurde mit KI generiert. Es zeigt keine gesicherte Rekonstruktion des Aussehens von *Tarbosaurus bataar*-Jungtieren, sondern eine wissenschaftlich plausible Annäherung.