Ein Team um Karol Wałach von der Jagiellonian University berichtet darüber im „Zoological Journal of the Linnean Society“. Der kleine Passagier heißt Propyxidium tardigradum. Fünf weitere Funde lieferten Naturfreunde, die ihre Beobachtungen auf der Online-Plattform iNaturalist geteilt hatten.
Plötzlich hängt er auch an Milben
Bisher kannte man den Einzeller nur als Fahrgast auf Bärtierchen. Jetzt zeigt die Studie ihn zum ersten Mal auch an Milben, an einem Rädertierchen, also einem anderen winzigen Tier, an einem Bärtierchen-Ei und an Schmutzkrümeln. Der Mitfahrer steigt damit auf viel mehr Unterlagen, als irgendjemand ihm zugetraut hatte.
Welche Träger er am liebsten hat, ist damit noch nicht entschieden. Die Autoren nennen ihre Antworten auf diese Frage ausdrücklich vorläufig. Bei den Bärtierchen kommen vier neue, teils nur vorläufig bestimmte Wirte auf die Liste.
Ein klares Muster gibt es trotzdem. Bärtierchen teilen sich in große Gruppen, und alle befallenen Tiere gehörten zu den Eutardigraden. In drei Proben krabbelten auch Tiere des anderen Zweigs herum, und keines davon trug einen Gast.
Ein Zweig, 400 Bärtierchen und doppelt so viele Gäste
Wie voll es auf den Bärtierchen werden kann, zeigt ein Zweigstück aus Kanada, nur wenige Zentimeter lang. Darauf zählten die Forscher rund 400 Bärtierchen und mindestens doppelt so viele Mitfahrer. Der Zweig war mit einer gelben Flechte überzogen, einem blattartigen Belag aus Pilz und Alge.
In diesem Geflecht stapft ein Bärtierchen auf acht Stummelbeinen durch feuchte Lappen und Spalten. Hinten am Körper, hinter dem dritten Beinpaar, sitzt sein Gast, genau dort, wo die Forscher die meisten Einzeller fanden. Wohin das Bärtierchen auch krabbelt, der Mitfahrer reist kostenlos mit.
Bärtierchen leben weltweit vor allem in Moosen und Flechten, am liebsten in den obersten Schichten. Die werden nach jedem Regen schnell nass und trocknen ebenso schnell wieder aus. Selbst in der Antarktis sind die Tiere zu Hause.
Zehn Funde in fast sechzig Jahren
Bis August 2022 gab es laut den Autoren weltweit nur zehn veröffentlichte Nachweise der Art. Für die neue Arbeit sammelte das Team gezielt Flechten von Bäumen, 23 Proben in England und 21 in Schottland. Vor allem gelbe Blattflechten landeten unter dem Mikroskop.
Dass der Gast so lange übersehen wurde, hat auch einen praktischen Grund. Die Autoren warnen, dass man ihn leicht mit einem nahen Verwandten verwechselt, der in Gruppen auf verzweigten Stielchen wächst. Auch sein Platz im Stammbaum war lange umstritten, und die Studie gibt ihm nun offiziell seinen Gattungsnamen, also den Namen seiner engsten Verwandtschaftsgruppe.
Ausgetrocknet und trotzdem an Bord
Trocknet die Flechte aus, zieht sich das Bärtierchen zu einem winzigen Tönnchen zusammen und schaltet seinen Stoffwechsel ab. Fachleute nennen diesen Zustand Anhydrobiose, Leben ohne Wasser. Kommt Regen, erwacht das Tier wieder, und auch Arten aus der Antarktis überstehen so Dürre und Frost.
Die neuen Beobachtungen deuten darauf hin, dass der Einzeller in dieser Starre fest an seinem Träger hängen bleibt. Nach dem Befeuchten erwacht er möglicherweise selbst wieder zum Leben. Die Trockenzeit säße er dann einfach auf dem Rücken seines Trägers aus.
Die Antarktis-Gäste sehen anders aus
In den Proben aus der Antarktis stießen die Forscher auf Einzeller, die erkennbar anders gebaut sind. Unter dem Rasterelektronenmikroskop, einem Gerät, das Oberflächen extrem stark vergrößert, unterscheidet sich vor allem ihre äußere Zellhülle. Die Autoren sehen darin eine mögliche neue Art, die erst weitere Untersuchungen mit mehreren Methoden bestätigen müssen.
Von Schottland bis ins ewige Eis
Mit der Studie taucht der Einzeller zum ersten Mal in Nordamerika und in der Weltregion rund um Australien auf. Neu auf seiner Länderliste stehen Australien, Kanada, Italien, Litauen und die USA. Ein Gast, der fast sechzig Jahre lang als selten galt, sitzt nun nachweislich auf Bärtierchen von Schottland bis in die Antarktis, und er hält sich an mehr Trägern fest als erwartet.
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