Der Tatort liegt in der obersten Kreidezeit. Damals gehörte Haţeg zu einer Inselwelt im europäischen Archipel. Von ihren ungewöhnlichen Dinosauriern ist viel bekannt, doch die neue Studie folgt den viel kleineren Tieren, die tote Körper und Knochen bearbeiteten.

Anne Bettermann, Zoltan Csiki-Sava, Herve Bocherens und Felix J. Augustin untersuchten fossile Wirbeltierreste aus mehreren Gesteinseinheiten und Ablagerungsräumen des Beckens. Sie ordneten die sichtbaren Schäden sechs Formen zu. Entscheidend waren Gestalt, Größe, Tiefe und Lage jeder Spur.

Frühere Arbeiten kannten solche Schäden vor allem aus einem begrenzten Teil des Beckens. Die neue Durchsicht ergänzt Funde aus drei weiteren Gesteinseinheiten. Damit zeigt sie, dass die Bioerosion räumlich und zeitlich weiter verbreitet war als bislang ausführlich dokumentiert.

Die bearbeiteten Stücke reichen vom Titanosaurier-Schienbein über ein Dinosaurier-Wadenbein bis zum Schildkrötenpanzer. Jede Oberfläche liefert einen anderen Teil der Beweiskette.

Winzige Spuren führen zu drei Verdächtigen

Die auffälligsten Marken sehen aus wie kleine Sterne. Eine flache Mulde bildet die Mitte, schmale Furchen laufen strahlenförmig nach außen. Die meisten dieser Grübchen messen etwa fünf Millimeter, ein Exemplar erreicht zehn Millimeter.

Tiefenzeit-Infografik nach Originalabbildung 4 aus Bettermann et al. (2026). Originalskizzen unverändert; deutsche Kurztexte redaktionell. DOI 10.3897/fr.29.189421. CC BY 4.0.
Tiefenzeit-Infografik nach Originalabbildung 4 aus Bettermann et al. (2026). Originalskizzen unverändert; deutsche Kurztexte redaktionell. DOI 10.3897/fr.29.189421. CC BY 4.0. · Bild: Bettermann, Csiki-Sava, Bocherens und Augustin (2026), Fossil Record, Abb. 4, DOI 10.3897/fr.29.189421, CC BY 4.0; Tiefenzeit-Redaktionsgrafik · Quelle · CC BY 4.0 · Lizenz

Solche Sterne sitzen nur in der harten äußeren Knochenschicht. Vergleichbare Muster aus anderen Fundstellen stützen die Deutung als Termitenspuren. Damit hat die erste Gruppe ihre Signatur hinterlassen.

Andere Spuren gehen viel tiefer. In einem Titanosaurier-Schienbein und im Panzer einer Schildkröte verlaufen nahezu runde bis leicht ovale Tunnel. Sie durchstoßen teils die feste Außenschicht, reichen in das schwammige Knocheninnere und können das ganze Knochenelement perforieren.

Hinzu kommen ovale Löcher und eine unregelmäßige Aushöhlung. Ein Loch im Schildkrötenpanzer zeigt im Mikro-CT, einer Röntgenaufnahme aus vielen Schichten, eine kammerartige Form. Solche Hohlräume passen zu Puppenkammern, in denen sich Larven geschützt verwandelten.

Die Formen der Tunnel, Löcher und Aushöhlungen stützen die Deutung als Speckkäferspuren. Deren Larven nutzen an heutigen trockenen Kadavern geschützte Stellen zur Verpuppung. Der zweite Verdächtige grub nicht nur an der Oberfläche: Seine mutmaßlichen Spuren reichen tief in den Knochen.

Paarige Rillen verraten kleine Säugetiere

Auf dem Bruchrand eines Dinosaurier-Wadenbeins aus Tuştea liegen zwei auffällige Bissspuren. Jede besteht aus gegenüberliegenden Paaren paralleler Rillen. Die einzelnen Kerben sind höchstens drei Millimeter lang und sitzen an Kanten oder Bruchflächen, nicht mitten auf glattem Knochen.

Form und Abstand stützen die Deutung als Bissspuren von Multituberculaten. Diese kleinen, heute ausgestorbenen Säugetiere besaßen ein besonderes Gebiss. Die paarigen Rillen zeichnen dessen Einsatz wie ein winziger Abdruck nach.

Daneben dokumentiert das Team unregelmäßig benagte Flächen. Dort häufen und überlagern sich Kratzer, Furchen und Kerben; einzelne Ansammlungen reichen von mindestens sieben bis zu mehr als fünfzig Marken. Bei einem Fund bedeckt das Muster eine Fläche von ungefähr zehn mal vierzig Millimetern.

Die unregelmäßigen Flächen erweitern das Bild über die zwei präzisen Bissspuren hinaus. Insekten und Säugetiere konnten Knochenoberflächen auf unterschiedliche Weise verändern. Sterne, Tunnel, Löcher und Rillen fügen sich so zu einem Ensemble verschiedener Aasverwerter.

Die Knochen lagen monatelang offen

Der stärkste Befund betrifft die Zeit nach dem Tod. Alle sechs Spurformen entstanden, bevor die Reste endgültig eingebettet wurden. Für eine exakte Verfallsuhr reichen sie nicht, doch mindestens mehrere Monate Freilage, eventuell länger, sind für die untersuchten Stücke belegt.

Damit verschiebt sich die Geschichte vom Täter zur Uhr. Die Marken erfassen die Phase der Zersetzung und späteren Bearbeitung. Aus sechs kleinen Spurformen wird ein Zeitzeugnis über das lange Nachspiel am Kadaver.

Die Verteilung liefert zusätzlich einen Hinweis auf die damalige Landschaft. Bioerosion, also biologisch verursachte Zerstörung von Knochen, tritt in den untersuchten schlecht entwässerten Bereichen seltener auf als in mäßig bis gut entwässerten. Feuchte Bedingungen konnten eine schnellere Bedeckung begünstigen oder manchen Spurenerzeugern weniger zusagen.

An vielen größeren Knochen liegt die Bioerosion nur auf einer Seite. Das passt dazu, dass Stücke teilweise in den Boden einsanken, während die freie Seite weiter erreichbar blieb. Andere Knochen wurden rundum bearbeitet und waren offenbar länger vollständig zugänglich.

Über mehrere Fundorte und geologische Abschnitte hinweg begegnet dem Team ein ähnliches Spektrum aasfressender Tiere. Das unterstützt die Vorstellung einer vergleichsweise stabilen Zersetzergemeinschaft in den untersuchten Lebensräumen. Zugleich zeigen die regionalen Unterschiede, wie stark der Weg zum Fossil vom jeweiligen Boden und Wasserhaushalt abhing.

Die große Pointe steckt damit in millimeterkleinen Schäden. Knochen bewahren nicht nur Tiere wie Titanosaurier, Rhabdodontiden und Schildkröten. Sie bewahren auch das langsame Nachspiel an der Oberfläche: Insekten und kleine Säugetiere hinterließen Marken, bevor Hochwasser, Transport und Sediment aus Resten Fossilien machten.

Quelle

Anne Bettermann, Zoltan Csiki-Sava, Herve Bocherens und Felix J. Augustin (2026): *Not only boring issues: bioerosion on bones from the Upper Cretaceous of the Haţeg Basin (Romania) and the implications for carcass decomposition on Haţeg Island*. Fossil Record 29, veröffentlicht unter CC BY 4.0. DOI: 10.3897/fr.29.189421. [Primärartikel](https://doi.org/10.3897/fr.29.189421)