Die Studie ist allerdings nicht neu. Sie erschien im Januar 2025 in der Fachzeitschrift Analytical Chemistry. Im August 2026 machte sie erneut Schlagzeilen. Grund genug, genau hinzuschauen, was in dem Knochen wirklich steckt – und was nicht.
Ein Knochen, der eigentlich leer sein müsste
Die gängige Annahme lautet: Wird ein Knochen zum Fossil, zerfällt alles Organische. Mineralien ersetzen, was einmal lebte. Eiweiß über Millionen Jahre? Für viele undenkbar.
Doch immer wieder meldeten Forschende das Gegenteil. Schon 1966 beschrieb ein Team kollagenartiges Material in einem Zehen- oder Fingerknochen eines Dinosauriers. 1999 folgten Berichte über Kollagenfasern in einem Knochen von T. rex. Später kamen Kollagen-Bruchstücke aus T. rex und Untersuchungen an einem Entenschnabeldinosaurier hinzu.
Überzeugt hat das nicht alle. Manche Fachleute halten daran fest, dass körpereigene Proteine durch die Versteinerung längst verschwunden sein müssten. Der zentrale Verdacht: Verunreinigung. Stammt das Eiweiß wirklich vom Dino – oder aus einer späteren Quelle?
Ein 20-Kilo-Brocken aus der Hell-Creek-Formation
Der neue Kandidat kommt aus Harding County in South Dakota. 2019 wurde dort ein Kreuzbein ausgegraben, also der Knochen, der Wirbelsäule und Becken verbindet. Es gehörte einem Edmontosaurus, einem pflanzenfressenden Entenschnabeldinosaurier aus der Hell-Creek-Formation.
Ein 20 Kilogramm schweres Stück ging samt Proben des umgebenden Gesteins an das Victoria Gallery & Museum der Universität Liverpool. Das Fossil gilt als außergewöhnlich gut erhalten. Die schwammartige Innenstruktur des Knochens ist mit bloßem Auge zu erkennen.
Das Team setzte auf eine neue Kombination von Methoden. Jede allein wäre angreifbar. Zusammen sollten sie eine Beweiskette bilden.
Beweis eins: Der Knochen schimmert golden
Zuerst kam das Polarisationsmikroskop. Es schickt Licht durch zwei gekreuzte Filter. Frischer Knochen schimmert darin rötlich-golden, weil Kollagen und Knochenmineral gemeinsam das Licht auf typische Weise brechen. Fachleute nennen das Doppelbrechung.
Genau dieses Schimmern zeigte auch der Dino-Knochen – allerdings nur in Flecken. Das passt zu Kollagen, das nicht mehr überall erhalten ist.
Die Autoren betonen selbst: Ein Lichtmuster liefert keine Moleküldaten. Das Mikroskop weckt einen Verdacht. Bestätigen müssen ihn andere Verfahren.
Beweis zwei: Ein Baustein, der fast nur im Kollagen steckt
Also lösten die Forschenden winzige Proben in Säure auf und schickten sie durch ein Massenspektrometer mit vorgeschalteter Flüssigchromatografie, kurz LC-MS. Das Gerät trennt Stoffe und bestimmt ihre Molekülmasse.
Gesucht war Hydroxyprolin. Dieser Eiweißbaustein kommt in anderen Proteinen nur selten vor. Im Kollagen heutiger Wirbeltiere macht er dagegen etwa vier bis zehn Prozent der Bausteine aus. Wer Hydroxyprolin findet, hat eine heiße Spur zum Kollagen.
Die Messung schlug an. In sechs Proben von je einem Milligramm fand das Team 6,7 bis 41,7 Nanomol Hydroxyprolin pro Gramm Knochen. Laut Studie wurde der Baustein in solchen Edmontosaurus-Proben damit eindeutig nachgewiesen und erstmals mengenmäßig bestimmt.
Zum Vergleich: Frischer Putenknochen lieferte pro Probe rund hundertmal mehr. Zwischen den Messungen liefen reine Lösungsmittel durch das Gerät, damit keine Reste früherer Proben das Ergebnis verfälschen.
Beweis drei: Kollagen-Schnipsel wie bei T. rex
Im dritten Schritt suchte das Team direkt nach Stücken des Eiweißes. Dafür zerlegten die Forschenden die Proteine in kurze Ketten, sogenannte Peptide, und lasen deren Bausteinfolge aus.
Das Ergebnis: mindestens 41 Kollagen-Peptide. Sechs davon stellt die Studie im Detail vor. Sie passen zu Kollagen des Entenschnabeldinosauriers *Brachylophosaurus canadensis*. Drei dieser Sequenzen waren zuvor schon für eine T.-rex-Probe aus der Hell-Creek-Formation beschrieben worden.
Ein anderes Fossil, dieselben Kollagen-Schnipsel. Die Autoren werten das als unabhängige, teilweise Übereinstimmung mit früheren Befunden.

Warum kaputt hier ein gutes Zeichen ist
Bleibt der Verdacht der Verunreinigung. Das Team dreht ihn um. Stammte das Kollagen aus einer modernen Quelle, müssten die Ketten weitgehend vollständig sein und die Mengen näher an frischem Knochen liegen.
Gefunden haben die Forschenden das Gegenteil: kurze Bruchstücke und wenig Hydroxyprolin. Beides passt nach ihrer Einschätzung zu altem, zerfallenem Kollagen – nicht zu frischem. Viele Peptide aus dem Fossil zeigen zudem eine chemische Veränderung, die im Putenknochen deutlich seltener auftritt.
Die Studie zitiert außerdem ein Argument aus früherer Forschung: Mikroben können kein Kollagen herstellen. Als Hersteller dieses Eiweißes kommen sie also nicht infrage.
Was der Fund bedeutet – und was nicht
Das Team schreibt, die drei Methoden lieferten zusammen experimentelle Belege dafür, dass Kollagen-Reste in manchen Dinosaurierknochen körpereigen sind. „Original-Eiweiß“ heißt hier also: Fragmente des Kollagens, das der Edmontosaurus selbst gebildet hat. Keine vollständigen Proteine. Und keine DNA – um Erbgut geht es in der Studie gar nicht.
Die Grenzen nennen die Autoren offen. Ihr Datensatz ist vergleichsweise klein und stammt aus einem einzigen Kreuzbein. Datenbank-Programme können dieselbe Sequenz verschiedenen Tiergruppen zuordnen, denn Peptide ähneln sich selbst zwischen weit entfernten Arten stark. Die Studie liefert weitere Belege in einer lange umstrittenen Frage – endgültig entschieden ist der Streit damit nicht.
Spannend bleibt das Mikroskop. Bestätigen weitere Messungen am selben Knochen die Kollagen-Reste, könnte polarisiertes Licht künftig kartieren, wo sich Kollagen erhalten hat und wo es zerfallen ist.
Der Brocken aus South Dakota zeigt: Ein Fossil ist nicht zwingend nur Stein. Manchmal steckt darin noch ein Rest des Tieres selbst – zerbrochen, chemisch verändert, aber messbar.
Quelle
Lucien Tuinstra, Brian Thomas, Steven Robinson, Krzysztof Pawlak, Gazmend Elezi, Kym Francis Faull und Stephen Taylor (2025): *Evidence for Endogenous Collagen in Edmontosaurus Fossil Bone*. Analytical Chemistry, veröffentlicht am 17. Januar 2025 unter CC BY 4.0. DOI: 10.1021/acs.analchem.4c03115. [Primärartikel](https://doi.org/10.1021/acs.analchem.4c03115)



