An seinem Schwanz hatte die Krankheit ganze Arbeit geleistet. Seitliche Knochenfortsätze waren zerstört, im Inneren klafften Hohlräume und Risse. Außen saßen Wucherungen, eine davon fast sechs Zentimeter hoch.

Und mittendrin verlief ein Kanal, durch den Eiter nach draußen abfloss. Dieser kleine Weg durch den Knochen verrät besonders viel über das, was Medusaceratops lokii durchmachte. Er führt direkt zum tief sitzenden Infektionsherd.

Nummer sieben fällt aus der Reihe

Der kranke Wirbel stammt aus einem nahezu vollständigen Skelett. Unter dessen Schwanzwirbeln zeigt nur der siebte diese Erkrankung. Ein einzelner Knochen fällt damit aus einer ganzen Reihe heraus.

Das Tier lag in hellen Sandsteinen der Judith-River-Formation bei Joplin in Montana. Die Gesteine stammen aus der Oberkreide. Heute wird das Skelett unter der Nummer HS0385 im Grandview Museum of Natural Science im chinesischen Guangzhou aufbewahrt.

Ausgerechnet an der Schwanzbasis traf es den Dinosaurier. Dort sitzt der siebte Wirbel, weit vorne im Schwanz. Die Forschenden nahmen ihn unter die Lupe und stießen auf eine Krankengeschichte, die außen wie innen Spuren hinterlassen hat.

An den Seiten und an einer Gelenkfläche bedeckt neu gebildeter Knochen die Oberfläche mit einer wabenartigen Struktur. Glatter Knochen wechselt mit rauen, durchbrochenen Bereichen. Der Wirbel sieht an vielen Stellen regelrecht umgebaut aus.

Blumenkohl außen, Löcher innen

Besonders auffällig sind zwei große Wucherungen an der Unterseite. Eine erinnert an Blumenkohl. Die andere ragt schnabelförmig hervor und misst 57,3 Millimeter in der Höhe.

Fotorealistische Darstellung eines aufgetriebenen, wuchernden Schwanzwirbels mit Eiterkanal, wie ihn das Paper für Medusaceratops lokii beschreibt (Illustration, nicht das Originalexemplar)
· Bild: Tiefenzeit

Beide gehören fest zum Wirbel: Ihre äußere Knochenschicht und ihr schwammartiges Inneres gehen in seinen Knochen über. Weitere, kleinere Wucherungen sitzen an der rechten Seite. Das Tier hatte hier selbst neue Knochensubstanz gebildet.

Doch diese Masse war keineswegs überall fest und dicht. Schnittbilder aus der Computertomographie, kurz CT, zeigen Hohlräume und Risse in den Wucherungen und im Wirbelkörper. Stellenweise wirkt der Knochen wie von Motten zerfressen.

Rund um solche geschädigten Bereiche liegen wiederum deutlich verdichtete Zonen. An einem einzigen Wirbel stehen Knochenabbau und Knochenaufbau nebeneinander. Genau dieses Zusammenspiel lässt die Forschenden den Verlauf der Erkrankung nachzeichnen.

Der Eiter fand einen Ausgang

An der rechten Seite entdeckte das Team den entscheidenden Kanal. Er durchdringt die äußere Knochenschicht und verbindet den kranken Bereich im Inneren mit der Außenwelt. Eiter konnte durch ihn abfließen.

Ein solcher Eiterkanal gehört zu den charakteristischen Zeichen einer chronischen Knocheninfektion, der Osteomyelitis. Die Erkrankung saß tief im Knochen. Zusammen mit den Wucherungen, der Zerstörung und den verdichteten Zonen ergibt sich die Diagnose.

Bei Medusaceratops lokii ist dies der erste dokumentierte Fall dieser chronischen Infektion mit einem solchen Abflusskanal. Das Fossil bewahrt damit einen besonders klaren Befund. Es zeigt sogar, wo die Infektion einen Weg nach außen fand.

Brüche verraten den Anfang

Die Infektion folgte auf eine Verletzung. Links blieb vom seitlichen Knochenfortsatz ein abgebrochener Rest mit neuem Knochen am Ende zurück. Rechts sitzt an entsprechender Stelle eine ovale, raue Knochenspur.

Dazu kommen Bruchlinien, die erst im CT sichtbar werden. Die Forschenden erkennen darin alte Verletzungen mit unvollständiger oder fehlerhafter Heilung. Was den Hornsaurier ursprünglich verletzte, bleibt unbekannt.

Die Schäden hatten also eine Vorgeschichte. Sie trafen einen lebenden Körper, der an den Bruchstellen reagierte. Später hinterließ die chronische Infektion ihre eigenen deutlichen Spuren im selben Wirbel.

Sein Körper baute einen Knochenmantel

Dann kommt die überraschende Wendung: Um den erkrankten Bereich entstand ein massiver Mantel aus neuem Knochen. Dieser Mantel heißt Involucrum. Zusammen mit der starken Verdichtung im Inneren belegt er, dass Medusaceratops nach seiner schweren Verletzung noch lange überlebte.

Der Dinosaurier hatte Zeit, diese ausgeprägte Reaktion aufzubauen. Die Forschenden sehen darin eine starke Widerstandskraft des Immunsystems bei Hornsauriern. Längeres Überleben bedeutet allerdings keine nachgewiesene vollständige Genesung.

81 kranke Dinosaurier, ein auffälliges Muster

Der Fall steht in einer größeren Sammlung: Die Forschenden werteten 81 berichtete Dinosaurier-Infektionen aus. Bei 68 davon handelte es sich um Knocheninfektionen. In 48 Fällen gab es Hinweise auf eine vorausgegangene Verletzung.

Damit dominieren in dieser Sammlung Infektionen nach einem Trauma. Verletzungsbedingte Öffnungen erscheinen als wichtiger Eintrittsweg für Erreger. Die 81 Funde zeigen die Zusammensetzung dokumentierter Fälle, nicht den Anteil kranker Dinosaurier insgesamt.

Bei Medusaceratops bekommt dieses Muster eine konkrete Gestalt: abgebrochene Knochenfortsätze, verborgene Brüche, ein Eiterkanal. Und ein massiver Knochenmantel, der bis heute von seinem langen Überleben zeugt.