Ein Team um Guillermo Navalón von der University of Cambridge berichtet darüber in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Die Forscher nahmen heutige und erst vor Kurzem ausgestorbene Vögel unter die Lupe. Zum Vergleich zogen sie frühe Vogelverwandte aus der Dinosaurierzeit, weitere Dinosaurier und Flugsaurier hinzu.

24-mal das Fliegen verlernt, das Ohr zuckt kaum

Rund 24-mal warfen Vogellinien unabhängig voneinander das Fliegen über Bord. Der Verlust des Fluges ist für einen Vogel ein tiefer Einschnitt, doch seine Bogengänge zeigen ihn nur schwach. Laut Studie wirkt die Art der Fortbewegung bloß gering auf die Form der Röhren.

Ganz spurlos geht der Flugverlust also nicht vorbei. Der große Umbau kommt aber von woanders.

Lange galt eine einfache Rechnung: Ändern sich die Röhren, hat sich die Fortbewegung geändert. Genau so erklärten Forscher oft auch die Entstehung des Vogelflugs. Diese Gleichung bekommt jetzt Risse.

Der Hinterkopf kippte, das Innenohr kippte mit

Hinten am Schädel sitzt ein einzelner Gelenkknubbel. Er verbindet den Kopf mit dem ersten Halswirbel und lässt ihn nicken und drehen. Dinosaurier, zu denen auch die Vögel zählen, und Krokodile haben nur einen solchen Knubbel, Säugetiere wie der Mensch dagegen zwei.

Bei den meisten Dinosauriern zeigt dieses Gelenk nach hinten. Kippt der Hinterkopf nach unten, verändern sich die Bogengänge deutlich. Genau dieses Muster taucht auch beim Übergang vom Dinosaurier zum Vogel auf.

Das Team deutet es so: Das neu ausgerichtete Kopf-Hals-Gelenk hat die Röhren umgeformt. Ein Feintuning des Gleichgewichtssinns für den Flug brauchte es nach dieser Deutung nicht. Das Ohr folgte dem Kopf.

Ein Kreidezeit-Vogel mit Riesen-Gleichgewichtsorgan

Ein Fund außerhalb dieser Studie zeigt, wie schwer Innenohren zu deuten sind: Vor rund 80 Millionen Jahren lebte im heutigen Südostbrasilien Navaornis hestiae. In einer Rekonstruktion seiner Welt reißt der Vogel den Kopf herum, als es im Gestrüpp raschelt, dann erstarrt er. Sein Schädel wirkt modern, trägt aber noch uralte Merkmale und zeigt eine Zwischenstufe auf dem Weg zum Vogelgehirn.

Navalón hat die Art 2024 als Mitautor in „Nature“ vorgestellt. Ihr Labyrinth, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, ist ungewöhnlich groß. Es bedeute etwas, sagte Navalón damals, man wisse nur noch nicht, was.

Die Fundstelle entdeckte der Amateurpaläontologe William Nava schon 2004. Den entscheidenden Schädel holten Forscher erst 2015 aus dem Gestein. Schon dieser Fund zeigte, wie schwer sich die Form eines Innenohrs deuten lässt.

Fossile Ohren verraten weniger als gedacht

Bereits 2017 zeigte eine Studie der Yale University: Auf dem Weg zum Vogel veränderten sich Schädeldecke und Gehirn im Gleichschritt. Die Knochenplatte über der Stirn deckt den vorderen Teil des Gehirns, die Platte dahinter den mittleren. Belegt wurde das an Embryonen von Echsen, Alligatoren und Vögeln.

Die neue Arbeit passt in dieses Bild, denn auch hier baute sich der Kopf als Ganzes um. Zugleich rüttelt sie an einer alten Gewohnheit der Paläontologie. Bisher galt die Form versteinerter Bogengänge als sicherer Hinweis darauf, wie sich ausgestorbene Tiere fortbewegten.

Damit ist nicht jede Rekonstruktion aus dem Innenohr erledigt. Wer aber aus fossilen Ohren lesen will, ob ein Tier flog, muss den Bau des ganzen Schädels mitlesen.

Die Geburt der Vögel war auch ein Umbau von Kopf und Hals. Mittendrin saß das Gleichgewichtsorgan und änderte seine Form, als der Hinterkopf nach unten kippte.

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