Ein Team um Scott Bellotti von der Universität Freiburg in der Schweiz berichtet darüber im Fachjournal „The Anatomical Record“. Die Forscher steckten die Fossilien in ein Mikro-CT, einen Röntgenscanner, der winzige Strukturen dreidimensional abbildet. Danach lösten sie jeden Knochen am Computer aus seinem Verbund.

Massenware im Dino-Fluss

Vor 76,5 bis 74,4 Millionen Jahren wälzten sich Flüsse durch den Süden Albertas. In Flusskanälen und Auen lagerten sie organikreichen Schlamm ab. In diesem Wasser war keine Schildkröte so häufig wie Plesiobaena antiqua.

Sie gehörte zu den Baeniden. Diese Familie von Süßwasserschildkröten hielt sich von der frühen Kreidezeit bis ins Eozän, also bis weit nach dem Ende der Dinosaurier.

Lawrence Lambe beschrieb die Art schon 1902. Bei einer Revision im Jahr 2009 sortierten Forscher die Gattung neu, Plesiobaena antiqua blieb dabei ihre Namensgeberin.

Der Wangenknochen rückt ans Auge

Trotz der vielen Funde war kaum erforscht, wie stark einzelne Tiere dieser Art voneinander abweichen. Das Team scannte deshalb Schädel von kleinen und großen Exemplaren. Die meisten Unterschiede gehen laut Studie auf Erbanlagen oder individuelle Ausprägung zurück, wie sie in jeder Art vorkommen.

Ein Knochen tanzt aus der Reihe. Das Jochbein, der Wangenknochen, schiebt sich offenbar beim Heranwachsen in den Rand der Augenhöhle. So wird er zum Teil des Augenrahmens.

Das Gesicht der Schildkröte war also kein fertiges Bauteil. Es wuchs mit dem Tier und veränderte dabei seine Form.

Die Kiefer wachsen auf harte Kost zu

Auffällige Unterschiede zeigen auch die drei Unterkiefer. Das Team führt sie größtenteils auf das Wachstum zurück. Das Muster passt zu einem Wechsel zur Durophagie, dem Fressen hartschaliger Nahrung.

Bei Wirbeltieren geht diese Kost typischerweise mit robusten Kiefergelenken und großen Ansatzflächen für die Kaumuskeln einher. Welche Nahrung das konkret war, verraten die Knochen allerdings nicht.

Ein winziger Knochen bleibt ein Rätsel

Manche Schädel besitzen einen Epipterygoid, einen kleinen Knochen im Schädel, anderen fehlt er. Liegt das am Alter oder am Zufall? Das können selbst die CT-Daten nicht klären.

Ähnliche Überraschungen gab es schon bei einer Verwandten. Bei der Baenide Baena arenosa aus der Uinta-Formation in den USA stießen Forscher auf unerwartete Unterschiede an Schädel und Panzer. Mehrere Merkmale, die bis dahin als Kennzeichen der Art galten, mussten sie deshalb neu bewerten.

Vier Schädel für den Stammbaum

Hier liegt die Bedeutung der neuen Arbeit. Wer die normale Bandbreite einer Art nicht kennt, kann Unterschiede zwischen jungen und alten Tieren falsch deuten. Laut den Autoren soll die genaue Beschreibung von Plesiobaena antiqua neue Impulse liefern, um Arten und Verwandtschaft der Baeniden zu ordnen.

Ob sich die Baeniden dadurch tatsächlich neu ordnen lassen, müssen künftige Studien zeigen.

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