Ein Team um Teresa Alonso-Hartyanyi vom Museo Nacional de Ciencias Naturales stellt die Neulinge im Fachblatt „Zoological Journal of the Linnean Society“ vor. Sie heißen Osedax emmae, Osedax martini und Osedax teoi. Als eigene Arten erkannt hat das Team sie am Körperbau und am Erbgut.
Bakterien erledigen die Verdauung
So könnte es aussehen: Im Dämmerlicht der Tiefe liegt ein blanker Knochen am Meeresgrund. Darauf sitzen die Würmer, mit wurzelartigen Ausläufern im Knochen verankert. Fressen kann keiner von ihnen.
Die Arbeit übernehmen Bakterien in einer obligaten Symbiose, einem Zusammenleben, ohne das der Wurm nicht überleben kann. Die Bakterien zersetzen, was an organischem Material im Knochen steckt. Davon lebt der Wurm.
Auch die Fortpflanzung der Gattung ist eigenwillig. Bei den ersten beschriebenen Arten waren alle gesammelten Tiere Weibchen. In ihnen lebten winzige, larvenartige Zwergmännchen voller Spermien.
Ein toter Wal verriet die Würmer
Die Geschichte der Knochenfresser beginnt mit einem Walkadaver. 2002 stießen Forscher im Monterey Canyon vor Kalifornien in rund 2900 Metern Tiefe auf einen toten Wal, der dicht mit den Würmern bedeckt war. Zwei Jahre später gaben Greg Rouse, Shana Goffredi und Robert Vrijenhoek der Gattung im Fachblatt „Science“ den Namen Osedax, lateinisch für „knochenfressend“.
Zunächst kannte man die Würmer nur von Walkadavern im Nordostpazifik, 1500 bis 3000 Meter tief. 2005 beschrieben Forscher dann Osedax mucofloris von einem absichtlich versenkten Zwergwal vor der schwedischen Westküste, in nur 125 Metern Tiefe. Vor der neuen Studie waren 34 Arten benannt, verteilt über alle Ozeane.
Im Nordostatlantik war Osedax mucofloris bis jetzt die einzige bekannte Art. Vor Portugal wurde sie im Setúbal-Canyon in 1000 Metern Tiefe nachgewiesen. Jetzt kommen drei iberische Arten hinzu.
Ein schwarzer Fleck, den noch kein Knochenfresser trug
Bei Osedax martini stieß das Team auf etwas, das noch bei keiner Art der Gattung beobachtet worden war: einen schwarzen Fleck. Bei allen anderen bekannten Arten kommen nur andere Farben vor.
Osedax emmae ist die Schwesterart von Osedax priapus, also ihre nächste Verwandte. Ihr fehlen die feinen Fiederchen an den Palpen. Die Autoren deuten das als Verlust: Die Vorfahren trugen sie, Osedax emmae hat sie wieder abgelegt.
Die Straße von Gibraltar hält die Würmer nicht auf
Bei zwei der drei neuen Arten verglich das Team das Erbgut von Würmern aus verschiedenen Fundgebieten. Zwischen Tieren aus dem Mittelmeer und aus dem Golf von Cádiz fand es keinen genetischen Bruch. Das spricht dafür, dass sich die Bestände über die Straße von Gibraltar hinweg mischen.
Möglich machen das nach Ansicht der Autoren die Larven, die lange im freien Wasser treiben. So überbrücken die Würmer große Entfernungen.
Dazu kommt eine enorme Vermehrung. Ein Weibchen kann rund 300 Larven am Tag hervorbringen, gut zwölf pro Stunde. Darin sehen die Forscher den Grund für die große genetische Vielfalt der ganzen Gattung.
Dieselben vier Bakterien stecken auch im Antarktis-Wurm
Zum Schluss nahm sich das Team die Bakterienpartner vor. Es prüfte, ob jede der drei Arten ihre eigene Bakteriengemeinschaft beherbergt. Dazu las es ein bestimmtes Erbgutstück der Bakterien aus, das wie ein Ausweis verrät, um welche Bakterien es sich handelt.
Das Ergebnis: Eine eigene Bakteriengemeinschaft für jede Art gibt es nicht. Stattdessen tauchten vier Bakterien als fester Kern in allen drei iberischen Arten auf. Dieselben vier fanden die Forscher auch in Osedax deceptionensis, einer Art aus der Antarktis.
Das passt zu einer früheren Studie von Hewitt und Kollegen aus dem Jahr 2020. Sie führte Unterschiede in den Bakteriengemeinschaften verschiedener Osedax-Arten wahrscheinlich eher auf die Umgebung zurück als auf die Verwandtschaft der Würmer, und die neue Arbeit stützt diese Deutung weitgehend. Welche Aufgabe die vier Kernbakterien im Wurm übernehmen, lassen die vorliegenden Befunde offen.
Europas Knochenfresser lagen direkt vor der Küste
Rund um die Iberische Halbinsel lebten drei Arten von Knochenfressern, die der Wissenschaft unbekannt waren. Sichtbar wurden sie erst, als ein Team Kuh- und Schweineknochen auf den Meeresgrund legte. Die Würmer kamen von selbst.
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