Ein Team um Yuyan Zhu von der Chinese Academy of Sciences stellt den Fund im Fachblatt „Journal of Paleontology“ vor. Für das Tier schaffen die Forscher eine neue Art und gleich dazu eine neue Gattung, also eine eigene Gruppe eng verwandter Arten.

Der Röntgenscan holt die Beine aus dem Stein

Die Beine waren mit bloßem Auge nicht zu sehen. Ans Licht brachte sie erst die Mikro-Computertomografie, ein sehr feines Röntgenverfahren, das ein Fossil Schicht für Schicht durchleuchtet.

Untersucht haben die Forscher zwei Exemplare. Beide stammen aus einer gelblichen Lage Tonschiefer, einem fein geschichteten Schlammgestein, im Maotianshan-Schiefer bei Chengjiang.

Im Scan erschienen zwei Fühler und dahinter Bein an Bein. Drei Paare sitzen unter dem Kopf, sieben unter dem Rumpf und drei unter dem Schwanzschild. Alle 13 Paare sind gleich gebaut und zweiästig, jedes Bein gabelt sich also in zwei Äste.

Dianhaia gehört zu den Helmetiiden, einer ausgestorbenen Gruppe flacher Gliederfüßer, deren Panzer kein Kalk härtete. Ausgerechnet ihre Unterseite kennt die Forschung schlecht.

Die zuerst beschriebene Art der Gruppe, Helmetia expansa aus dem kanadischen Burgess Shale, ist an der Bauchseite bis heute kaum erforscht. Funde aus Chengjiang wie Dianhaia liefern deshalb Stück für Stück den fehlenden Bauplan.

Ein Stachelwinzling von 23 Millimetern

Das Fossil, auf dem die neue Art beruht, misst samt Schwanzstachel rund 23 Millimeter. Das ist etwas weniger als eine Zwei-Euro-Münze breit ist.

In der Rekonstruktion schiebt sich ein flacher Stachelkörper über den schlammigen Meeresboden. Vorn sitzt ein kleines Schildplättchen, dahinter ein halbrunder Kopf mit zwei kurzen Dornen, dann folgen sieben Rumpfsegmente mit langen Seitenstacheln. Am Heck läuft das Schwanzschild in einen kurzen Mittelstachel aus, flankiert von drei Paaren langer Stacheln.

Zwei lange Fühler ragen weit nach vorn ins trübe Wasser. Wozu das Tier sie einsetzte, lassen die Autoren offen, denn ein konkreter Beleg für ihre Funktion fehlt noch.

Um den Winzling herum wimmelte es. Aus der Chengjiang-Biota, der Tiergemeinschaft dieser Fundstätte, kennt die Forschung rund 185 beschriebene Arten aus mindestens 15 Tierstämmen. Zusammen mit dem Burgess Shale gilt sie als wichtigstes Fenster in die kambrische Explosion, als sich die Tierwelt in erdgeschichtlich kurzer Zeit enorm auffächerte.

Ein Segment mehr als der Nachbar

Die langen Stacheln an Rumpf und Schwanzschild unterscheiden Dianhaia von den verwandten Gattungen Helmetia und Kuamaia. Die kurzen Wangenstacheln am Kopf erinnern dagegen eher an Kuamaia lata als an die langen Dornen von Haifengella.

Haifengella corona wurde schon 2014 aus derselben Fundstätte beschrieben. Sie trägt sechs Rumpfsegmente mit je einem Stachelpaar und ein kronenförmiges Schwanzschild mit zwei Stachelpaaren. Dianhaia legt bei beidem eins drauf: ein Segment mehr und ein Stachelpaar mehr am Heck.

Der engste Verwandte wohnte nebenan

Um die Verwandtschaft zu klären, rechneten die Forscher eine Stammbaum-Analyse, die aus Körpermerkmalen ableitet, welche Linie sich wann abspaltet. Das Ergebnis: Dianhaia und Haifengella sind Schwestergruppen, also jeweils der engste Verwandte des anderen.

Gemeinsam bilden die beiden innerhalb der Helmetiiden den Zweig, der sich zuletzt abspaltet. Kuamaia lata zweigt dagegen als erste ab. Das gilt für diese eine Analyse und ist noch kein endgültiger Stammbaum der Gruppe.

Die Spur führt zu den Trilobiten

Hinter dem kleinen Fund steht eine große Frage. Trilobiten sind die berühmten Meeresgliederfüßer mit dreigeteiltem Panzer. In einigen früheren Stammbaum-Studien landeten die Helmetiiden direkt neben ihnen, mal als enge Verwandte, mal sogar als Schwestergruppe.

Entschieden ist das bis heute nicht. Rückenplatten, die Kante an Kante beweglich aneinanderstoßen, sprechen für die Nähe, beweisen sie aber nicht.

Die Maotianshan-Schiefer im Chengjiang County sind höchstens 518 Millionen Jahre alt und seit 2012 UNESCO-Welterbe. Dort überdauerten selbst die zarten Beine eines Tiers von 23 Millimetern. Jedes vollständig gezählte Beinpaar schärft den Bauplan der Helmetiiden, und an diesem Bauplan hängt die Frage, wie nah sie den Trilobiten wirklich stehen.

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