Silvio Renesto und sein Team stellen die Art jetzt vor: Simonettoia tilaventina, so ihr wissenschaftlicher Name. Gefunden hat R. Rigo das Skelett am Forchiàr-Bach, kurz bevor dieser in den Tagliamento mündet.
So stellen sich die Autoren den kleinen Jäger vor: Er pirscht sich im flachen Wasser an, läuft über den Grund oder paddelt gemächlich und schiebt dabei kaum Wasser vor sich her. Ist die Beute nah genug, schnellt er nach vorn, angetrieben von den Hinterbeinen, den Hals steif gestreckt. Diese Jagdszene ist eine Deutung der Forscher, kein beobachtetes Verhalten; sie leiten sie aus der versteiften Halsregion ab.
Verrutschter Oberschenkel? Der Verdacht fiel durch
Der auffälligste Knochen im Gestein ist lang und gerade. Genau das machte ihn verdächtig, denn ein verrutschter und umgedrehter Oberschenkelknochen sähe ähnlich aus. Die Forscher spielten diese Möglichkeit ausführlich durch.
Dann rechneten sie nach. Wäre der Knochen ein Oberschenkel, hätte das Tier zwei sehr ungleiche Beine gehabt: Der eine Oberschenkel wäre höchstens 83 Prozent so lang wie der andere. Außerdem fehlt die Gelenkrolle, also das abgerundete Ende, mit dem ein Oberschenkel im Knie sitzt.
Damit ist der Knochen ein überlanger Halswirbel. Dahinter folgen mindestens vier weitere Halswirbel, also Knochen des Halses, die deutlich weniger gestreckt sind. Weil die Knochen noch so beieinanderliegen wie im lebenden Tier, lässt sich diese Reihenfolge direkt ablesen.
Der Doppelgänger fliegt beim Zählen auf
Auf den ersten Blick sieht die neue Art aus wie ein alter Bekannter: Langobardisaurus pandolfii, ein kleines Reptil mit kurzem, dreieckigem Kopf und großen Augenhöhlen. Es blieb unter einem halben Meter lang. Seine Fossilien stammen aus derselben Fundschicht, außerdem aus der Lombardei und aus Tirol.
Renesto selbst hat diesen Doppelgänger 1994 beschrieben. Die Fossilien dafür waren 1974 in einem Steinbruch bei Cene aufgetaucht.
Dann zählten die Forscher. Am Hals kommen sie auf mindestens neun Wirbel, und an den letzten beiden sitzen Rippen, die wie die Schneide eines Pflugs geformt sind. Der Rumpf hat 14 Wirbel, nur drei davon im unteren Rücken.
Auch die Beine passen nicht zum Doppelgänger. Der Oberschenkel ist länger, und der Mittelfuß, also die Knochen zwischen Fußwurzel und Zehen, ist schlanker. Am Unterarm fällt die Speiche im Verhältnis zum Oberarm kürzer aus.
Pikant: Ausgerechnet die Zahl der Halswirbel war bei diesem Doppelgänger schon einmal umstritten. Renesto zählte 1994 neun, eine Überprüfung von Saller und Kollegen kam 2013 auf acht.
Der lange Hals passt zu keiner bekannten Art
Bleibt Tanystropheus, ein Verwandter mit besonders langem Hals. Bei ihm sind auch die hinteren Halswirbel extrem gestreckt, bei Simonettoia bleiben mindestens vier davon normal lang. Dazu hat die neue Art zwei Rückenwirbel und einen Lendenwirbel mehr.
Auch der Vergleich mit zwei weiteren Verwandten bringt keinen Treffer. Bei einem gleich alten Reptil aus der Lombardei fehlen am neuen Skelett die entscheidenden Erkennungsmerkmale.
Beim anderen sitzen die Rippen in Pflugscharform an mehr Halsknochen. Außerdem hat er einen Rückenwirbel weniger. Der Fund aus Friaul passt auch hier nicht ins Bild.
Ein einzelnes Merkmal entscheidet den Fall nicht. Erst die Mischung aus Riesenwirbel, normalen Halswirbeln, Rippenform und Beinproportionen macht aus dem Skelettrest eine eigene Art.
Steifer Hals wie beim berühmten Verwandten
Für Tanystropheus hatte eine viel beachtete Studie der Universität Zürich ein ähnliches Bild gezeichnet. Seine Nasenlöcher saßen oben auf der Schnauze wie bei heutigen Krokodilen und passen damit zu einem Jäger im Wasser. Schwimmanpassungen an den Gliedmaßen fanden die Zürcher Forscher allerdings nicht.
Das einzige bekannte Tier der neuen Art war wohl noch nicht ausgewachsen. Dafür sprechen seine geringe Größe und die schwache Verknöcherung: An Hand- und Fußwurzeln, Gliedmaßenenden und Schultergürtel war das Gewebe noch nicht zu festem Knochen geworden.
Eine Lagune voller Flugsaurier
Das Tier steckte in der Dolomia di Forni, einer Schicht aus Dolomitgestein in der Region Friaul-Julisch Venetien. Sie entstand vor etwa 216 bis 212 Millionen Jahren. Damals lag hier ein flaches, sauerstoffarmes Meeresbecken, eine vom offenen Meer abgegrenzte Lagune am Rand eines Kalksteinsockels.
Im selben Gestein stecken mehrere Flugsaurier und ein Kletterreptil, das zu einer ganz anderen Tiergruppe gehört. Die Fundschicht bewahrt damit sehr unterschiedliche Tiere aus derselben Erdzeit.
Auch ein älterer Fund von dort bekommt eine neue Deutung. Das Fossil MFSN 1891 galt 1989 als ausgewürgter Klumpen aus Flugsaurierknochen. Die Autoren der neuen Studie sehen darin eher die Reste eines Verwandten der langhalsigen Reptilien.
Zwanzig Jahre unbeschrieben, jetzt eine eigene Art
Der auffällige Halsknochen hätte leicht zum falschen Namen führen können. Erst die Verbindung mit den übrigen Knochen macht sichtbar, dass sich hinter dem alten Fund eine bisher unbeschriebene Art verbirgt.
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