Ein Team um Michelangelo Bisconti von der Università degli Studi „Gabriele d'Annunzio“ Chieti-Pescara berichtet darüber in der Fachzeitschrift „Geosciences“. Der Neuzugang heißt Quasibalaena portisantuerpiae. Erhalten sind Teile des Schädels samt Ohrknochen, und ihre Merkmale passen in dieser Kombination zu keinem anderen bekannten fossilen Glattwal.

Ein Haizahn steckt im Schädel

Im Knochen steckte ein Zahn des Sechskiemerhais Hexanchus gigas. Für die Autoren zeigt das, dass sich nach dem Tod des Wals Aasfresser über den Kadaver hermachten. Beschädigt wurde der Schädel erst Millionen Jahre später: Bei der Bergung traf ihn ein Baukran seitlich und vorne oben.

Der Wal lebte im Meer über dem heutigen Antwerpen.

Heutige Glatt- und Grönlandwale sieben mit ihren Barten winzige Krebse aus dem Wasser. Sie schlucken gewaltige Mengen Ruderfußkrebse und gehören damit zu den Schlüsselarten im Meer. Der Sand von damals bildet heute eine dunkle, grüngraue Schicht unter Antwerpen, und Blütenstaub darin datiert den Wal auf 5,0 bis 4,4 Millionen Jahre.

Das Ohr verrät die Familie

Den stärksten Hinweis liefert das Felsenbein, der harte Knochen um das Innenohr. Es gleicht dem Felsenbein des heutigen Grönlandwals (Balaena mysticetus) so stark, dass die Autoren die Ähnlichkeit „auffallend“ nennen. Auch der Hinterkopf trennt die Gruppen: Beim Grönlandwal steht er steiler als bei den heutigen Glattwalen der Gattung Eubalaena.

Die Forscher stellten den Neuzugang neben alle bekannten Glattwal-Arten. Dann sortierten sie die Tiere nach gemeinsamen Körpermerkmalen in einen Stammbaum. Heraus kamen einige frühe Abzweigungen und zwei große Äste.

Ein Ast führt zum Grönlandwal, der andere zu Eubalaena. Quasibalaena portisantuerpiae landet auf dem Ast des Grönlandwals. Bisher hatten Knochenvergleiche und Erbgut-Analysen bei den Glattwalen keinen gemeinsamen Stammbaum ergeben, und jedes Fossil mit neuen Merkmalen kann ihn verschieben.

Erst klein, dann Koloss

Wie gewaltig diese Linie am Ende wurde, zeigt der heutige Grönlandwal. Er wird bis zu 19 Meter lang und rund 90 Tonnen schwer, so viel wie 60 Mittelklasseautos. Sein bogenförmiger Schädel macht mehr als ein Drittel der Körperlänge aus und bricht bis zu 20 Zentimeter dickes Meereis.

Am Anfang stand das Gegenteil. Laut der Größenrekonstruktion schrumpften die Tiere am Ursprung des Grönlandwal-Astes, während die meisten anderen Glattwal-Äste wahrscheinlich mit mittlerer Körpergröße starteten. Den Riesenwuchs des heutigen Grönlandwals werten die Autoren als eigene, junge Entwicklung.

Wann dieser Schub einsetzte, ist offen. Die Autoren halten das Eiszeitalter für möglich, also die letzten rund zweieinhalb Millionen Jahre. Damit wurden Grönlandwal und Eubalaena auf getrennten Wegen zu Giganten.

Ein Urahn aus Patagonien führt auf dieselbe Spur

Schon 2017 stieß die Neubeschreibung von Morenocetus parvus auf den doppelten Riesenwuchs. Er ist der älteste anerkannte Glattwal: rund 20 Millionen Jahre alt, gefunden in Patagonien in Argentinien und vergleichsweise klein.

Sein Platz im Stammbaum ist seit Langem umstritten. Die Arbeit von 2017 stellte ihn neben alle übrigen Glattwale, warnte aber vor schwacher Stützung und vielen fehlenden Merkmalen. Andere Studien schoben ihn ganz aus der Familie hinaus, die neue Analyse führt ihn als frühen Seitenzweig an ihrer Wurzel.

Mit dem Schädel aus Antwerpen stützt nun ein weiteres Fossil den doppelten Riesenwuchs. Was die beiden Linien so gewaltig wachsen ließ, bleibt offen. Die größten Glattwale von heute stammen von keinem gemeinsamen Riesen ab, und mindestens eine ihrer Linien wurde erst kleiner, bevor sie zum Koloss wuchs.

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