Ein Team um Ekaterina V. Tselikh hat die neue Gattung und Art in der Fachzeitschrift Zootaxa beschrieben. Laut der Studie stammt das Fossil aus dem späten Eozän, einem Abschnitt der Erdgeschichte.
Fünf Spuren überführen die Bernstein-Wespe
Die Spurensuche beginnt am Mund. Die Oberlippe der Wespe liegt versteckt, und an ihrem Rand steht eine Reihe feiner Borsten wie die Zinken eines Kamms.
Weiter geht es über den Rücken. Zwischen den Flügeln hebt sich ein Feld klar vom Rest ab. Gleich dahinter sitzt eine Rückenplatte tiefer, als hätte jemand sie eingedrückt.
An den Hinterbeinen zeigt sich die nächste Spur: Ihre obersten Glieder, die Hüften, sind quer gerunzelt wie eine zerknitterte Stirn. Ganz hinten am Körper sitzen zwei winzige Anhängsel, und vor jedem steht ein auffälliger Borstenpinsel.
Einzeln würde keine dieser Spuren genügen. Erst alle fünf zusammen weisen das Tier als Mitglied der Diparidae aus.
Junge Familie, alter Fund
Die Familie selbst ist ein Neuling in der Systematik der Insekten. Lange führten Fachleute die Diparidae nur als Unterfamilie der Pteromalidae, einer anderen Erzwespen-Familie. Erst die Neuordnung der Erzwespen im Jahr 2022 machte sie zu einer eigenständigen Familie.
Ein kantiger Zahn macht die Wespe zum Zwischending
Die größte Überraschung steckt im Gesicht. Mitten auf dem Kopfschild, der Platte über dem Mund, ragt ein einzelner kantiger Zahn hervor. Dazu kommt ein vergleichsweise kurzes Fühlerglied: Das erste Glied im mittleren Fühlerabschnitt ist nur 1,10- bis 1,14-mal so lang wie das zweite, beide sind also fast gleich lang.
Durch diese Kombination steht Paleolelaps im Körperbau zwischen zwei Gattungen der Familie, die schon 1833 und 1843 beschrieben wurden: Dipara und Lelaps. Ganz zu keiner der beiden passt die Bernstein-Wespe. Zu einer direkten Abstammung sagt der Befund nichts.
Heutige Verwandte leben auf Kosten von Rüsselkäfern
Raschelndes Laub auf feuchtem Waldboden: Dort sammeln Forschende heute die meisten Diparidae. Als Rekonstruktion lässt sich auch Paleolelaps draco zwischen modernden Blättern vorstellen, unter Bäumen, aus deren Harz eines Tages Bernstein wurde.
Die heutigen Verwandten sind Parasiten. Ihr Nachwuchs wächst vor allem auf Kosten von Rüsselkäfern heran, vereinzelt schlüpfen die Wespen auch aus Eikokons von Gottesanbeterinnen oder aus Fliegenpuppen. Für die Bernstein-Wespe wären solche Wirte plausibel, belegt sind sie nicht.
Heute lebt die Familie fast weltweit, die meisten Gattungen gibt es in Südafrika und Australien. Ihre Wurzeln liegen wahrscheinlich auf Gondwana, dem einstigen Südkontinent. Ihr ältester bekannter Vertreter kommt dagegen aus dem Bernstein des Ostseeraums.
Der Bernstein hütet ein Altersrätsel
Über 90 Prozent des Baltischen Bernsteins stammen von der Samland-Halbinsel im heutigen Gebiet Kaliningrad. Weitere Brocken schoben die Gletscher der Eiszeit nach Polen, ins Baltikum und in die Norddeutsche Tiefebene.
Wie alt dieser Bernstein ist, bleibt umstritten: Die Schätzungen reichen von etwa 56 bis 34 Millionen Jahren. Datieren lässt sich meist nur die Schicht, in die er später umgelagert wurde. Wann das Harz floss, bleibt deshalb offen.
Für Paleolelaps draco nennt die Studie das späte Eozän. Die Diparidae gelten erst seit 2022 als eigene Familie, und mit diesem ersten Fossil lässt sich ihre Geschichte nun auch durch einen Fund aus der Vorzeit belegen.
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