Ein Team um Gaël E. Spicher von der University of Fribourg berichtet im „Zoological Journal of the Linnean Society“ über den Fund. Die Forschenden nahmen sich alle vier Schildkrötenfossilien aus Canjuers erneut vor, denn die meisten Studien dazu sind mehr als drei Jahrzehnte alt. Mit moderner Bildgebung machten sie feine Details an Schädel und Panzer sichtbar.
Der Schlamm versiegelte ganze Skelette
Tote Tiere wurden in der Lagune rasch von Schlamm bedeckt. Dünne Filme aus Mikroben, also aus winzigen Lebewesen, bremsen nach Angaben der Autoren den Zerfall, deshalb liegen viele Skelette noch heute Knochen an Knochen.
Diese Lagune ist heute Gestein im französischen Département Var. Die Kalksteine von Canjuers stammen aus dem Tithonium, dem letzten Abschnitt des Jura, und zählen zu den wichtigsten Fossilfundstellen dieser Zeit in Europa. Sie lieferten eine außergewöhnliche Tierwelt aus Wirbellosen und Wirbeltieren, Schildkröten bilden darin nur eine kleine Gruppe.
Erst eine Art, dann drei, jetzt die Auflösung
Im Jahr 1982 stellte eine Studie eines der Exemplare vorläufig und mit Vorbehalt in die Nähe der Gattung Solnhofia. Eine Arbeit von 1994 ging deutlich weiter. Sie sah im selben Material gleich drei verschiedene Schildkröten: je eine neue Art der Gattungen Eurysternum und Solnhofia sowie eine dritte, nicht genauer bestimmbare Form.
Die neue Untersuchung sortiert diese Funde jetzt Stück für Stück. Am Ende bekommt jedes Fossil seine eigene Antwort.
Ein Knochen über dem Schwanz entscheidet
Der Panzer des Typusexemplars misst in der Mittellinie 224 Millimeter. Das Typusexemplar ist das Stück, an das ein neuer Artname offiziell gebunden ist. An der breitesten Stelle misst der Panzer 213 Millimeter, er ist also etwas länger als ein Schulheft im A5-Format und fast so breit wie lang.
Die Entscheidung fällt am hinteren Panzerende. Caesaria templaria trägt dort einen kräftigen Pygalknochen, die mittlere Knochenplatte direkt über dem Schwanz, und zwar ohne jede Einkerbung. Der Art Eurysternum wagleri fehlt dieser Knochen, an seiner Stelle klafft eine deutliche Kerbe im Panzerrand.
Weitere Merkmale schärfen das Bild. Der Schädel ist mittelgroß und die Schnauze kurz, und ab der siebten Randplatte sind die hinteren Platten des Panzerrands breiter als lang. Auf dem Rücken sitzen breite Hornschilde, zwischen denen wellige Furchen verlaufen.
Die neue Art gehört zu den Thalassochelydiern. Das ist eine Gruppe von Meeresschildkröten der Jurazeit, die an den Küsten lebten. Für Caesaria templaria stellt das Team zusätzlich eine eigene Gattung auf.
Der dritte Fund ist ein alter Bekannter mit Riesenschädel
Das dritte Fossil gehört zu einer längst bekannten Art: Solnhofia parsonsi. Dafür sprechen Umriss und Größe des Schädels, die lang gezogene Schnauze und kleinere Lücken zwischen den Rippen- und Randplatten des Panzers. Kleine Abweichungen von früher beschriebenen Stücken sind nach Einschätzung der Forschenden für die Artbestimmung ohne Bedeutung.
Genau hier trennen sich die beiden Schildkröten. Bei Solnhofia parsonsi ragt die Schnauze weit über die äußere Nasenöffnung hinaus, und ihre Panzerknochen sind durchgehend dick. Caesaria templaria hat eine kurze Schnauze und dünne Panzerknochen.
Solnhofia parsonsi kennt man aus dem späten Jura Deutschlands und der Schweiz. Ihr Kopf ist so groß, dass er beim vollständigen Skelett rund 40 Prozent der Panzerlänge einnimmt. Die Gattung bekam ihren Namen erst 1975 anhand von zwei Schädeln, obwohl ein Fundstück aus Solothurn schon 1965 kurz erwähnt worden war.
Das Jungtier gibt seinen Namen nicht preis
Das vierte Fossil stammt von einem jungen Tier und wurde bei einer Grabung unter Leitung von S. Wenz gefunden. Es ist so schlecht erhalten, dass sich seine Art nicht genau bestimmen lässt. Das Team lässt es deshalb ohne Namen.
Schildkröten besiedelten Europas Jura-Küsten
Schon im Kimmeridgium, dem Zeitabschnitt vor dem Tithonium, schwammen Verwandte durch Europas Küstengewässer. Fossilien der Gattung Thalassemys stammen aus dem Schweizer Juragebirge und aus Südengland. Diese Gruppe von Schildkröten war im damaligen europäischen Archipel aus Inseln und Küsten also weit verbreitet.
Wie sich die Tiere über diese Inselwelt verteilten, gilt unter Fachleuten noch als kaum erforscht. In der Fachliteratur stehen über 60 benannte Arten, die weltweit noch einmal überprüft werden müssen.
Eine neue Gattung für das Ende des Jura
Mit Caesaria templaria wächst die bekannte Vielfalt der Meeresschildkröten im späten Jura um eine Gattung und eine Art. Die Forscher fanden sie in Fossilien, die schon vor Jahrzehnten untersucht worden waren.
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