Wie kann ein unscheinbares Bauteil zwei Fossilien aus zwei Ländern zu Gattungsgenossen machen? Die Antwort steckt im Bauplan eines Tieres aus dem allerersten Kapitel der Stachelhäuter.
Die ersten Stachelhäuter waren sofort überall
Zu den Stachelhäutern zählen heute Seesterne und Seeigel. Ihr Start im Kambrium war alles andere als zaghaft. Schon beim ersten Auftritt im Fossilbericht lebten drei verschiedene Klassen nebeneinander, verteilt über die ganze damalige Welt.
Aus Afrika kannte die Forschung bis jetzt keinen älteren Vertreter. Das neue Fossil stammt aus der Issafen-Formation in Marokko. Diese Gesteinsschicht gehört genau zu dem Abschnitt des Kambriums, in dem die Stachelhäuter zum ersten Mal auftreten.
Ein Panzer wie ein Mosaik, gespickt mit Atemporen
Das Tier aus Marokko ist ein Gogiide, also ein früher Stachelhäuter. Es bekommt eine eigene, neue Gattung. Unten sitzt ein schlicht gebauter Stiel aus kleinen, runden Plättchen, die kreuz und quer aneinanderliegen.
Darüber thront die Körperkapsel, von Fachleuten Theka genannt. Unregelmäßige Vielecke fügen sich zu einem Mosaik, das trotzdem in fünf sauberen Ringen übereinanderliegt. Jede Platte ist fein gekörnt und von zahlreichen Epispiren durchsetzt, Strukturen zum Atmen.
Oben ragen lange Arme ins Wasser, die Brachiolen. Sie wachsen meist zu dritt gebündelt aus erhöhten Aufsätzen rund um den Mund. Zwei Reihen versetzter Bodenplatten tragen jeden Arm, und zwei ebenso versetzte Reihen aus Deckplatten schließen ihn nach oben ab.
So könnte die Szene ausgesehen haben: Im kambrischen Meer wiegen sich die Armbündel in der Strömung, während der Stiel das Tier am Grund hält. Ringsum beginnt gerade die Geschichte einer Tiergruppe, die bis heute überlebt hat.
Die Bodenplatte führt zum Verwandten in Spanien
Dann kommt das Detail, das die ganze Geschichte dreht. Am unteren Ende der Kapsel hat Atlaseocrinus issafenensis nur eine einzige Basalplatte, also eine Bodenplatte. Laut der Studie besitzt das kein anderer Gogiide.
Genau dieses Erkennungszeichen taucht in Spanien wieder auf. In den Iberischen Ketten im Nordosten des Landes kamen die ältesten zusammenhängend erhaltenen Exemplare der Region ans Licht. Sie gehören zu einer Art, die 2004 als „Rhopalocystis“ mesonesensis beschrieben wurde und deren Platz im Stammbaum bis dahin ungeklärt war.
Auch die spanischen Tiere tragen eine einzelne Bodenplatte, geformt wie ein Becher. Durch sie führt ein einziger Kanal von der Körperkapsel bis in den Stiel. Wegen dieser Becherplatte wechselt die Art die Gattung und heißt jetzt Atlaseocrinus mesonesensis.
Marokko und Spanien teilen sich eine Gattung
Die Studie verortet diese frühesten Stachelhäuter im westlichen Gondwana, einem Teil des damaligen Südkontinents. Ein Tier aus Marokko und eines aus Spanien stehen jetzt in derselben Gattung. Welche Schlüsse die Autoren daraus im Einzelnen für die frühe Verbreitung ziehen, geht aus der bisher veröffentlichten Kurzfassung nicht hervor.
Den Ausschlag gaben weder die langen Arme noch der gemusterte Panzer. Entscheidend war ein unauffälliges Bauteil am Grund der Kapsel.
Mehr als 500 Millionen Jahre lag dieses Plättchen im Gestein. Heute verbindet es Fundorte in zwei Ländern und zeigt, wie ein einzelnes Merkmal einen Stammbaum umschreiben kann.
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