Wie kommt ein Team bei Tieren aus der späten Trias zu diesem Urteil? Und warum brachten ausgerechnet Unterschiede zwischen Schädeln derselben Tiergruppe die alten Artgrenzen ins Wanken?
Ganze Knochenlager voller Trias-Amphibien
Die Tiere heißen Metoposauriden. Sie gehörten zu den Temnospondylen, einer ausgestorbenen Gruppe urtümlicher Amphibien, und lebten im Wasser. Ihre Reste stecken in Gesteinsschichten, die nicht im Meer entstanden sind: auf der Nordhalbkugel, in Indien und auf Madagaskar.
An manchen Orten in Nordamerika häufen sich ihre Knochen massenhaft. Mehrere dieser Knochenlager enthalten jeweils nur eine einzige Art. Für die Forschung ist das ein Glücksfall, denn dort lassen sich viele Tiere derselben Art nebeneinander vergleichen.
Der Verdacht: Gleiche Art, verschiedene Schädel
Genau an solchen Fundstellen zeigten frühere Arbeiten etwas Unbequemes. Innerhalb einer Ansammlung, die man als eine Population betrachtet, unterscheiden sich die Schädel voneinander. Manche Merkmale schwanken offenbar schon innerhalb einer Gruppe.
Das ist heikel, weil gerade solche Merkmale bisher die Arten voneinander trennten. Taugt ein Merkmal nicht mehr als Grenze, wackelt jede Artbeschreibung, die darauf baut.
Nordamerika liefert dafür reichlich Prüfmaterial. Mehrere Knochenlager mit jeweils einer eigenen Art ergeben eine große Stichprobe. Auf dem Prüfstand standen drei Namen: Anaschisma browni, Buettnererpeton bakeri und Apachesaurus gregorii.
Jedes Fossil bekommt seine eigene Akte
Das Team setzte beim einzelnen Fundstück an statt bei der fertig definierten Art. Es baute eine Merkmalstabelle, in der jedes Fossil eigene Einträge erhält. Darin stehen alle namensgebenden Exemplare, an denen eine Art eindeutig festgemacht ist, dazu zahlreiche weitere zugeordnete Funde.
Die Bewertungen bleiben nachprüfbar. Fotos und, wo es der Klarheit dient, erklärende Zeichnungen legen offen, wie jedes aufgenommene Stück gelesen wurde.
Erster Treffer: Der Sammelname fällt
Die Funde aus Texas, New Mexico und Arizona, die bisher Anaschisma browni zugeordnet waren, lassen sich laut der Analyse nicht unter diesem einen Namen vereinen. Die Daten tragen diese Zuordnung nicht.
Ein Durcheinander aus immer neuen Umbenennungen will das Team vermeiden. Deshalb erhalten zwei bereits beschriebene Arten aus Texas je eine eigene, neue Gattung: Paranaschisma howardensis und Tecovaserpeton perfectum.
Der Titel der Studie macht daraus ein Programm. Er wirbt in der Wirbeltierpaläontologie für Gattungen mit nur einer Art, damit die Ordnung einer Tiergruppe nicht noch unruhiger wird.
Der eigentliche Clou: Der Zwerg ist womöglich nur jung
Richtig spannend wird es bei Apachesaurus gregorii. Die Art galt als kleinwüchsig, bis jüngere Arbeiten vermuteten, dass die meisten bekannten Stücke von Jungtieren stammen. Ob sie zum Nachwuchs einer bereits bekannten großen Art gehören oder doch eine eigene Art bilden, hatte bis dahin niemand getestet.
Die neue Analyse bringt ein Schlüsselstück ins Spiel: ein mutmaßlich erwachsenes Exemplar von Apachesaurus gregorii.
Das Team verglich außerdem, wie sich Buettnererpeton bakeri und Apachesaurus gregorii beim Heranwachsen verändern. Daraus entwirft es Szenarien zur Heterochronie, also zu Verschiebungen im Zeitplan des Wachstums bei den Metoposauriden. Es sind Vorschläge, die künftige Studien prüfen sollen, keine fertigen Beweise.
Was noch fehlt: Tiere mittlerer Größe
Im Westen der USA klafft eine Lücke. Zwischen den großen und den kleinen Metoposauriden der späten Trias fehlen Fossilien mittlerer Größe.
Erst wenn solche Stücke geborgen, beschrieben und einzeln in dieselbe Merkmalstabelle eingeordnet sind, lassen sich die offenen Fragen zum Wachstum dieser Tiere klären. Bis dahin bleibt offen, wer der „Zwerg“ wirklich war.
Die Studie zeigt damit etwas Grundsätzliches: Ein Artname hält nur so viel aus wie die einzelnen Knochen, die ihn tragen.



