Ein Team um Yuichiro Nishioka vom Museum of Natural and Environmental History stellt den Fund im „Swiss Journal of Palaeontology“ vor. Das Skelett stammt aus Gesteinsschichten in der Präfektur Gifu.

Begraben zwischen Muschelschalen

Die Knochen lagen in einer Muschelbank. Im selben Gesteinsblock steckten der Schädel mit beiden Geweihen und die Backenzähne des Oberkiefers. Dazu kommen Knochen von Rumpf und Beinen.

So lässt sich das lebende Tier zusammensetzen: Aus seiner Stirn wuchsen zwei kurze Knochenzapfen. Auf jedem saß ein Geweih, das sich in zwei Spitzen gabelte. An den Vorderbeinen waren die Knochen im Fuß auffallend kurz, viel kürzer als die entsprechenden Knochen der Hinterbeine.

Wie das Tier in die Muschelbank gelangte, lässt sich aus den Befunden nicht sagen. Dort blieb sein Skelett 18 Millionen Jahre lang im Stein eingeschlossen.

Kein Jungtier, sondern ein Hirsch im besten Alter

Die hintersten Backenzähne waren schon durchgebrochen und abgekaut. An allen Beinknochen sind die Gelenkenden fest mit dem Schaft verwachsen, und das passiert erst bei ausgewachsenen Tieren.

Ganz alt war der Hirsch trotzdem nicht. Seine Zähne sind weniger abgenutzt als beim Vergleichsexemplar der europäischen Art Procervulus dichotomus. Die Forscher sprechen von einem Tier mittleren Alters.

Ein Sockel so kurz wie ein Daumen

Hirschgeweihe wachsen auf einem festen Knochensockel auf der Stirn, dem Rosenstock. Beim Japan-Hirsch misst dieser Sockel nur rund 6,5 Zentimeter, ungefähr so lang wie ein Daumen. Bei Procervulus dichotomus sind es 12 bis knapp 14 Zentimeter.

Genau dieser Stummel macht den Neuen unverwechselbar: Keine andere bekannte Art seiner Gattung hat einen so kurzen Sockel. Dazu setzt sein Geweih im Verhältnis breiter an.

Auch Procervulus praelucidus hat ähnliche Stirnzapfen. Ihre Zähne und Sockel sind aber kleiner und dünner.

Europas Hirsch-Familie – mitten in Japan

Der Japan-Hirsch passt erstaunlich gut zu den frühesten Hirschen Europas. Er trägt dasselbe Gabelgeweih. Auf seinen oberen Backenzähnen sitzt dieselbe deutliche Schmelzleiste an der Innenseite.

Andere frühe Europa-Hirsche bildeten am Geweihansatz Verdickungen und kleine Zusatzzapfen. Dem Japan-Hirsch fehlt dieser Schmuck völlig. Deshalb stellen ihn die Forscher in die Gattung Procervulus.

Damit taucht ein Problem auf: Aus Asien kannte man aus derselben Zeit keinen einzigen Hirsch mit Gabelgeweih. Wie kam dieser Hirsch also nach Japan?

Ein Vergleich mit dem Rüsseltier Gomphotherium

Einen Hinweis liefert der Vergleich mit einem Rüsseltier, das zur selben Zeit eine große Landverbindung nutzte. Vor rund 20 bis 15 Millionen Jahren prallte die afrikanisch-arabische Platte auf Eurasien. Afrika war damit nach rund 75 Millionen Jahren Isolation wieder mit dem Rest der Welt verbunden.

Über diese neue Landverbindung wanderten Tiere in beide Richtungen. Darunter war das Rüsseltier Gomphotherium, ein früher Verwandter der Elefanten.

Laut den Autoren schaffte es Gomphotherium vor 20 bis 19 Millionen Jahren von Afrika bis nach Ostasien. Wenn ein Rüsseltier diese Strecke so schnell zurücklegte, erwarten die Forscher Ähnliches auch von anderen Landsäugetieren. Als möglichen Landweg für Säugetiere nennen sie die Überquerung Beringias im frühen Miozän oder davor. Welchen Weg dieser Hirsch nahm, belegt der Fund nicht.

Die ersten Hirsche hatten es eilig

Der Japan-Hirsch trägt viele ursprüngliche Merkmale, wie man sie von den ältesten Hirschen kennt. Für die Forscher spricht das dafür, dass sich die ersten Hirsche rasch über Eurasien verbreiteten. Das geschah offenbar noch bevor sich die bekannten europäischen Formen auseinanderentwickelten.

Eine Frage lassen die Autoren bewusst offen: Wo begann die Wanderung? In Asien oder in Europa? Der Fund aus Japan macht beide Antworten möglich.

Ein Fundort voller Urzeit-Schätze

Das Skelett gehört heute zur Sammlung des Mizunami Fossil Museum. Das Haus wurde 1974 eröffnet und verwahrt rund 250.000 Fossilien aus der Region.

Aus derselben geologischen Formation stammt bereits ein früher Zahnwal. Heute bewahrt das Museum beide Zeugen dieser urzeitlichen Lebenswelt.

Der neue Urzeit-Hirsch zeigt, dass frühe Hirsche mit Gabelgeweih vor rund 18 Millionen Jahren nicht nur in Europa lebten, sondern auch Ostasien erreicht hatten. Wo diese Ausbreitung begann, bleibt offen.

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