Ein Team um Paul M. J. Burke vom University College London berichtet darüber in der Fachzeitschrift „Royal Society Open Science“. Aus Tomistoma cairense wird Herugavialis cairensis: Das Tier bekommt einen eigenen Gattungsnamen und einen neuen Platz im Stammbaum der Krokodile. Grundlage sind der Originalschädel, an dem die Art einst beschrieben wurde, und mehrere weitere Fundstücke vom Gebel Mokattam, einer Hügelkette östlich von Kairo.

Wie bei der Sphinx fehlt dem Schädel die Nasenspitze

Der neue Name verneigt sich vor dem alten Ägypten. Heru ist der ägyptische Name des Gottes Horus, zugleich spielt der Name auf die Große Sphinx von Gizeh an. Beide stammen aus derselben Gesteinsschicht, und beiden ist die Spitze der Nase abhandengekommen.

Das Gestein verrät auch, wo das Krokodil jagte. Es besteht aus den Kalkschalen winziger Meereseinzeller, die in einem warmen, flachen Meer am Ostrand des Mittelmeerraums zu Boden sanken. Auch das Plateau von Gizeh, auf dem die Pyramiden stehen, ist aus diesem Kalk gehauen.

Der Stein verrät ebenso das Alter. Die ganze Gesteinsfolge entstand nach gängiger Angabe vor etwa 48 bis 37 Millionen Jahren. Die Studie ordnet den Schädel dem älteren Teil dieser Spanne zu, einem Zeitabschnitt, den Geologen Lutetium nennen.

Fast zwei Drittel des Kopfes waren Schnauze

Das Tier war gebaut wie eine Pinzette mit Zähnen. Rund 64 Prozent seiner Schädellänge entfielen auf die Schnauze. Weil dem Originalschädel die Spitze fehlt, setzten die Forscher ihn für diese Schätzung mit einem zweiten Schnauzenstück zusammen.

Dieser Bauplan ist das Markenzeichen der Gaviale, einer Krokodilgruppe mit extrem schmaler Schnauze. Mindestens 15 Zahnfächer lagen nach Schätzung des Teams in jeder Hälfte des Oberkiefers. Ein so schlanker Kiefer zieht mit wenig Widerstand durchs Wasser, und mit einem ähnlich dünnen Maul fängt der heutige Gangesgavial in Indien seine Fische.

Die ausgestorbene Verwandtschaft am Mittelmeer jagte allerdings nicht im Fluss. Laut Studie hielten sich diese Gaviale an Küsten und in flachen Meeren auf, anders als die heutigen Arten. Manches spricht sogar dafür, dass sie sich aufs offene Meer hinauswagen konnten.

Der Blick ins Gehirn entlarvt einen Außenseiter

Dann durchleuchteten die Forscher den Schädel mit einem Computertomografen, einem Röntgengerät, das Schicht für Schicht in den Stein hineinschaut. Aus den Bildern formten sie am Rechner einen Abdruck des Hohlraums, in dem einst das Gehirn lag. Oben endet dieser Abdruck stumpf, und diese Form kennt man von keinem anderen Gavial.

So stumpf endet er sonst nur bei Krokodilen aus ganz anderen Linien, etwa bei einem ausgestorbenen Krokodil aus Australien. Auch die Nase überrascht: Der Bereich, mit dem das Tier roch, war groß und aufgebläht. Er erinnert an Krokodilverwandte, die ganz im Meer lebten.

Am Schädel selbst fand das Team viele weitere Unterschiede, zum Falschen Gavial und zu zwei Krokodilen, die etwa zur selben Zeit in Ägypten lebten. Ein Merkmal steht nun im Steckbrief der neuen Gattung: Augenhöhlen, die wie kurze Fernrohre über das Schädeldach hinausragen.

Im Stammbaum steht es allein

Heute leben nur noch zwei Gavial-Arten, beide in Süd- und Südostasien: der Gangesgavial Gavialis gangeticus und der Falsche Gavial Tomistoma schlegelii. Fossil kennt man dagegen mehr als 40 Arten, verteilt über fast die ganze Welt. Viele Funde rund ums Mittelmeer landeten früher in der Schublade Tomistoma, also bei der Gattung des Falschen Gavials.

Neuere Stammbäume hatten an dieser Zuordnung schon gerüttelt. Burke und Kollegen rechneten selbst nach und suchten den Stammbaum, der mit den wenigsten Veränderungen im Körperbau auskommt. Das ägyptische Krokodil landete weder beim Falschen Gavial noch bei den anderen untersuchten Mittelmeerformen.

Sein lebender Verwandter, der Gangesgavial, kämpft heute selbst ums Überleben. Seit 2007 gilt er als vom Aussterben bedroht, er jagt vor allem Fisch in Flüssen und Bergbächen Indiens und Nepals. Manche Tiere werden länger als sechs Meter, und die Männchen tragen auf der Schnauze einen Höcker, der an einen Topf erinnert, auf Hindi „ghara“.

Erst kam die Kälte, dann das Salz

Mit dem richtigen Namen rückt Herugavialis cairensis an seinen Platz in einer größeren Geschichte: dem Aufstieg und Untergang der Krokodile am Mittelmeer. Nach seiner Zeit brach die Vielfalt der Gaviale dort offenbar ein. Die Autoren halten es für möglich, dass die Erde abkühlte, der Meeresspiegel sank und den Küstenjägern so ihr Revier nahm.

Aus der folgenden kühlen Epoche, dem Oligozän, kennt man am Mittelmeer keinen einzigen Gavial. Ob sie wirklich fehlten oder nur keine Fossilien hinterließen, lässt das Team offen. In der nächsten Warmphase, dem Miozän, könnte die Gruppe zurückgekehrt sein.

Im späten Miozän verschwanden die Krokodile dann ganz aus der Region. Als möglichen Täter nennen die Autoren eine gewaltige Salzkrise vor 5,97 bis 5,33 Millionen Jahren: Der Atlantik lieferte kaum noch Wasser nach, und das Mittelmeer wurde extrem salzig. Mehr als eine Million Kubikkilometer Gips, Salz und Kalk setzten sich damals ab.

Wie tief der Meeresspiegel dabei fiel, ist umstritten. Genannt wird ein Absturz um mehr als einen Kilometer, andere Fachleute bezweifeln einen großen Rückgang überhaupt. Davon hängt ab, wie hart die Krise die letzten Krokodile des Mittelmeers treffen konnte.

Jeder falsche Name verwischt die Spur

Ein einziger neu benannter Schädel klingt nach Archivarbeit. Doch erst wer weiß, welche Krokodile wann und wo am Mittelmeer lebten, kann ihren Aufstieg und ihr Verschwinden erklären. Die Autoren setzen deshalb auf die Überprüfung weiterer Mittelmeerarten, die noch unter alten Namen geführt werden.

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