Ein Team um Joshua Adam Doyon von der University of Alberta stellt den Fund im Journal of Paleontology vor. Die Forscher grenzen den wahrscheinlichsten Täter ein: einen Dromaeosaurier, einen kleinen zweibeinigen Raubsaurier.
Der Schädel lag am Fuß eines Schlammrutsches am Osthang des Tals, fünf Kilometer nördlich der Morrin Bridge. Er ist der kleinste zusammengehörige Albertosaurus-Schädel, der bisher bekannt ist. Dabei kennt die Forschung diese Raubsaurier seit 1884, als Joseph Burr Tyrrell einen ersten Teilschädel fand, und 1910 stieß Barnum Brown sogar auf ein Massengrab mit 26 Tieren verschiedener Altersstufen.
Ein junger Tyrann stapfte durchs Moor
Vor 73 bis 68 Millionen Jahren lag am heutigen Red Deer River ein Flussdelta mit weiten Auen und Kohlemooren. Durch dieses nasse Land stapfte der junge Albertosaurus, vorbei an dunklen Tümpeln und schlammigen Ufern. Nahe der Fundstelle liegen bis heute zwei Kohleschichten im Gestein, Überreste dieser Moorwelt.
Sein Schädel maß nach der Schätzung der Forscher 63 Zentimeter, etwas mehr als ein Handgepäckkoffer. Das Tier war mindestens acht Jahre alt, wie das feine Gewebe in einem seiner Gliedmaßenknochen zeigt. Bis zur vollen Größe fehlte ihm trotzdem noch viel.
Ausgewachsene Albertosaurier erreichten acht bis neun Meter Länge und bis zu drei Tonnen Gewicht, so viel wie zwei Kleinwagen. Selbst dann blieben sie deutlich schlanker als Tyrannosaurus rex.
Irgendwann lag der Jungtyrann still im Schlamm, und kleine Räuber gruben ihre Zähne in seinen Kiefer. Ob sie ihn vorher angegriffen oder einen Kadaver geplündert hatten, verraten die Spuren nicht.
Die Bissmarke ist kaum größer als ein Reiskorn
Eine der Spuren sitzt am Surangulare, einem Knochen im hinteren Teil des Unterkiefers. Die Forscher vermaßen sie bis auf Hundertstelmillimeter: 8,2 Millimeter lang, 3,8 Millimeter breit und gerade einmal 0,57 Millimeter tief. Ein Reiskorn hat ungefähr dieses Format.
Am Rand der Bisse wuchs kein neuer Knochen. Der junge Albertosaurus hat die Bisse also nicht lange überlebt, oder er war schon tot, als die Räuber zupackten. Die unverheilten Spuren zeigen: Hier wurde gefressen.
Die Zahnzacken überführen den Täter
Raubsaurierzähne tragen an der Schneide winzige Zacken, die Dentikel, ähnlich wie ein Steakmesser. Ziehen sie über Knochen, ritzen sie feine Rillen hinein. Der Abstand dieser Rillen verrät das Gebiss wie ein Fingerabdruck.
Tyrannosaurier hinterlassen Rillen mit 0,3 Millimetern Abstand oder mehr. Am jungen Albertosaurus liegen die Kratzer deutlich dichter beieinander. Ein Artgenosse oder ein anderer großer Tyrann scheidet als Täter damit aus.
Ein Zahn trifft allerdings selten senkrecht auf den Knochen. Zieht er schräg darüber, verzerrt dieser Einfallswinkel die gemessenen Abstände. Das Team rechnete den Winkel mit einer neuen Methode heraus und bestimmte die Abstände so genauer.
Dann fielen auch die übrigen Verdächtigen weg. Krokodile, Säugetiere und Champsosaurier, krokodilähnliche Wasserreptilien der Kreidezeit, hätten andere Spurformen hinterlassen, etwa Brüche oder hakenförmige Kerben. Am besten passten die Spuren zu Dromaeosauriern.
Erstmals belegt: Kleine Räuber am Tisch der Tyrannen
Wie ungleich die Größen waren, zeigt ein gut bekannter Dromaeosaurier aus Nordamerika. Er wurde 1,3 bis 1,8 Meter lang und höchstens 22,5 Kilogramm schwer, etwa so viel wie ein mittelgroßer Hund. Der junge Albertosaurus, an dem die Räuber fraßen, maß dagegen mehrere Meter.
Fressspuren von Tyrannosauriern sind deutlich häufiger dokumentiert als solche von Dromaeosauriern. Bekannt waren Bissmarken dieser kleinen Räuber bisher an anderen Tieren, etwa am Schienbein eines riesigen Flugsauriers. An einem Tyrannosaurier war eine solche Marke bislang nie belegt.
Die Autoren ziehen daraus einen klaren Schluss. Dromaeosaurier und junge Tyrannosaurier fraßen sich wahrscheinlich gegenseitig, mal als Beute, mal als Aas. Der Jäger von heute konnte morgen selbst auf dem Speiseplan landen.
Die Nahrungskette lief in beide Richtungen
Direkte Fressspuren gehören zu den wenigen Belegen dafür, wer in einer ausgestorbenen Welt wen fraß. Dieser Kiefer erweitert den bekannten Speiseplan der Dromaeosaurier um einen jungen Tyrannosaurier und zeigt zugleich, wie der Kopf eines jungen Albertosaurus gebaut war. Zwei Gruppen winziger Zahnspuren zeigen, dass im kreidezeitlichen Alberta auch die Kleinen an den Großen fraßen.
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