Ein Team um Taia Wyenberg-Henzler von der University of Alberta stellt die Auswertung in der Fachzeitschrift „Vertebrate Anatomy Morphology Palaeontology“ vor. Die Forscher stützen sich auf viele Knochen statt auf ein einzelnes Prachtskelett. Grundlage sind einzeln gefundene Wirbel, also eine Art von Fund, die bisher selten systematisch erfasst wurde.
Die meisten dieser Wirbel stammen aus der Dinosaur Park Formation. Diese Gesteinsschichten entstanden vor rund 76,5 bis 74,8 Millionen Jahren in der späten Kreidezeit. So lässt sich die Szene rekonstruieren: Ein Tyrannosaurier steht über einem gefallenen Entenschnabel-Dinosaurier, setzt die Kiefer seitlich am Schwanz an und reißt den Kopf zurück. Gut 75 Millionen Jahre später zählen Forscher die Kratzer.
Am Hals: kein einziger Biss
Am Hals sieht es anders aus. Das Team hat auch die Halswirbel der Entenschnabel-Dinosaurier geprüft, doch keiner davon trägt eine Spur. Warum der Hals verschont blieb, können die Autoren nicht klar sagen.
Am Schwanz häufen sich die Spuren dagegen. Mehr als fünf von sechs angebissenen Wirbeln stammen von dort. Die Zahl der Spuren pro Wirbel ändert sich entlang des Schwanzes. Auch ihre Lage an den Seitenflächen verschiebt sich, und die Spuren verlaufen schräg.
Für das Team ergibt das ein klares Muster. Die Zähne trafen dort, wo es Fleisch zu holen gab. Wie viel das war, unterschied sich von Abschnitt zu Abschnitt.
Die Zahnabstände weisen auf den Täter.
Der Abstand zwischen benachbarten Zahnspuren liefert Hinweise auf die Größe der Zahnkronen des Täters. Die meisten gemessenen Abstände sind größer als die Basis der Zahnkronen von Dromaeosauriern, einer Gruppe kleinerer Raubsaurier. Die Autoren werten das als Indiz dafür, dass Tyrannosaurier den Großteil der Spuren hinterlassen haben.
Ein älterer Fund passt ins Bild. Schon 2001 beschrieb der Forscher Varricchio vier Schwanzwirbel junger Entenschnabel-Dinosaurier, die als Mageninhalt in einem Tyrannosaurier lagen. Die Autoren der neuen Studie sehen darin einen möglichen Hinweis auf gezieltes Abbeißen am Schwanz. Im Englischen heißt das „Tail-Nipping“.
Auch ein anderer Fund zeigt, was Tyrannosaurier fraßen. 2023 beschrieben Forscher einen jungen Gorgosaurus aus demselben Park. In seinem Brustkorb steckten die Hinterbeine zweier junger Citipes. Der Fund belegt, wie stark sich der Speiseplan dieser Räuber zwischen Jungtier und ausgewachsenem Tier wandelte.
Das Fleisch prägt den Biss stärker als die Tierart.
Ein Komodowaran reißt an einem Ziegenkadaver und hinterlässt dabei vor allem flache Kratzer. Das zeigten Fütterungsversuche mit elf gefangenen Komodowaranen. Ihre klingenartigen Zähne lösen Fleisch gut vom Knochen, zum Zerbeißen von Knochen taugen sie aber schlecht. Fachleute nutzen solche Vergleiche, um fossile Zahnspuren zu deuten.
Das Team verglich seine Spuren mit verschiedenen Einzelfällen aus der Fachliteratur und fand Ähnlichkeiten. Daraus folgern die Forscher, wo ein Fleischfresser zubeißt: Das hängt vor allem davon ab, wie Muskeln und anderes Weichgewebe am Körper der Beute verteilt sind. Welcher Räuber frisst und welches Tier auf dem Speiseplan steht, spielt eine kleinere Rolle.
Damit widersprechen die Autoren einer Analyse von Drumheller und Kollegen aus dem Jahr 2020. Diese hatte den ganzen Schwanz als eine einzige Fleischregion mit wenig Ertrag behandelt. Die neue Studie teilt den Schwanz dagegen in mehrere Abschnitte, an denen ein Räuber unterschiedlich viel Fleisch fand.
Auch der Knochen selbst spielt eine Rolle. Manche Spuren kratzen nur flach, andere dringen tief ein. Neben dem Fleischangebot erklären die Autoren diesen Unterschied mit der Dichte des Knochens und der Dicke seiner harten Außenschicht.
Der Schatz lag in den Sammlungen
Zum Stichtag der Studie verwaltete das Royal Tyrrell Museum 1500 registrierte Fossilien mit Zahnspuren. 1106 davon stammen von Dinosauriern. Nach Einschätzung der Autoren ist das wohl die größte Sammlung dieser Art weltweit.
Die Geschichte dieser Funde reicht weit zurück. 1884 fand Joseph Tyrrell den ersten Dinosaurier Albertas. Im Dinosaur Provincial Park sammeln Forscher seit mehr als 110 Jahren und haben dort über 166 Wirbeltierarten nachgewiesen. Bis das Royal Tyrrell Museum 1985 öffnete, mussten viele Funde an Museen in aller Welt verschickt werden.
Mit mehr als 51 beschriebenen Dinosaurierarten gilt der Park als der artenreichste bekannte Dinosaurierfundort der Welt. Ende der 1970er-Jahre lieferte er die ersten veröffentlichten Belege dafür, dass Dinosaurier in Gruppen lebten.
Viele kleine Knochen ergeben ein großes Bild
Für die Autoren ist das erst ein Anfang. Um das Fressverhalten der Raubsaurier insgesamt zu erfassen, fordern sie größere Untersuchungen an vielen Exemplaren.
Die Arbeit zeigt, wie wertvoll unscheinbare Einzelknochen werden, wenn Forscher sie in großer Zahl untersuchen. Zusammen verraten sie, wo Raubsaurier vor 75 Millionen Jahren am Kadaver ansetzten.
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